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Auszüge aus der Fragestunde zum Buch Hein Michel
blickwinkel
Hein Michel - Bundesrepublikanische Alltagsgeschichten
Transkript 1

Campingplatz in Lothringen

Es folgen einige Ausschnitte unseres Gespräches in transkribierter Form
(gekürzt und geglättet).

Intro - blickwinkel:

Auf den folgenden Seiten möchten wir Ihnen ein Buch vorstellen, welches es eigentlich gar nicht gibt,
zumindest nicht im Buchhandel.
(Direktbestellung ist möglich - Leseproben sind kostenlos erhältlich über "redaktion blickwinkel")

Dazu haben wir bei einem der Autoren um eine Buchbesprechung angefragt,
und wir erhielten eine Einladung zu dieser zugegeben ungewöhnlichen Location auf einem Campingplatz in Lothringen.


Frage 1 blickwinkel:
00:00
...Danke für die Einladung
Warum dieser ungewöhnliche Ort?

Autor:
Das ist einer meiner liebsten Plätze,
es ist ruhig, abgeschieden - hier ist ein Stück Alte Welt.
Der Kaffee ist genau so, wie ich ihn mag - und es gibt kein Rauchverbot.
Sehen Sie sich um -
Camping, Europäische Kultur aus Kindertagen, gelebte Bescheidenheit,
ich will nicht so weit gehen, zu sagen, das sei Diogenes in der Tonne,
aber ein wenig konsumtive Zurückhaltung fördert das Denken - zumindest bilde ich mir das gerne ein.


Frage 2 blickwinkel:
00:04
Warum ausgerechnet Lothringen ?

Autor:
Lothringen inspiriert,
es ist für mich der sinnbildlich eingedampfte Rest eines der großen historischen Reiche Europas,
es ist eine Brücke zu den Ahnen, eine Mahnung an die Gegenwart.
Hier spricht eine Stimme aus 1000 Jahren.

Sie erzählt ganz leise und irgendwie unaufdringlich, wie ein großes Erbe zerteilt und verspielt wurde,
hier liegt der Rest eines einstmals großen Mittelreiches,
zermahlen zwischen den Mühlsteinen der Geschichte.
Ererbt, bedrängt, verspielt und dann letztlich in seiner Eigenständigkeit verloren.
Hier liegt ein Spiegel europäischer Gegenwart.
Vielleicht auch ein Blick auf das unmittelbar Bevorstehende.
Hier gab es Alles - die Ausbeutung eines reichen Landes, eine arbeitsame Bevölkerung, einen fetten Klerus,
hier gab es Hochverrat bis zum Verlust der Souveränität, die mehrfache Vertreibung des vielleicht letzten patriotischen Herzogs,
Kriege und ständig wiederkehrende Fremdherrschaft bis zum Identitätsverlust.

Mich macht das immer wieder nachdenklich, vielleicht sogar ein Stück weit ehrfürchtig.
In jedem Falle inspiriert dieses Land, einen Schritt zurückzutreten und Respekt zu üben.
Also genau der richtige Ort, Empathie in Worte zu bringen.
Wohl deshalb entstanden auch hier die meisten meiner Geschichten.


Frage 3 blickwinkel:
00:07
Das bringt uns zum Buch.
Die Episoden zeigen sehr unterschiedliche Szenarien.
Wo ist der "Rote Faden"?

Autor:
Daß die Zusammenstellung der Kapitel ein wenig nach Kraut und Rüben aussieht, ist sicher richtig.
Es ist auch keine chronologische Abfolge von Kurzgeschichten.
Die 20 Episoden sind ein Streifzug durch die etwa 100 Hein Michel Texte, die im Laufe der letzten Jahre entstanden.
Auf noch ältere Ausgaben haben wir nicht mehr zurückgegriffen.
Die stammten aus einer anderen Zeit.
Heute passt das nicht mehr in den Kontext aktueller Entwicklungen.

Ganz allgemein gesehen, ist das kein Wochenendroman, den man am Stück durchliest.
Es ist keine in sich geschlossene Geschichte,
hier gibt es im herkömmlichen Sinne keinen Anfang und auch kein Ende.
Wir treffen auf die Figuren, begleiten sie ein Stück weit, und dann verlassen wir sie wieder.

Gewohnt schnelle Leser sind sicher enttäuscht, aber für den unreflektierten Konsum waren diese Texte nie gedacht.
Wer sich Zeit nimmt, findet schon die Abzweigungen, an denen sich Exkurse anbieten.
Wer den Stichworten folgt, findet Pfade, auf denen es sicher Vieles zu entdecken gibt.
Eigentlich weisen die meisten Geschichten auf genau diese Abzweigungen hin.
Das ist ein bißchen wie an Ostern. Das Buch sagt, wo man suchen könnte. Die Nester muß man aber schon selbst finden.


Frage 4 blickwinkel:
00:10
Schreiben Sie alleine?

Autor:
Nein, es gibt nur ganz selten Passagen, die ohne Co-Autorenschaft entstehen.
Schon bei den alten Stachelschriften waren es immer mehrere Autoren.
Ich kann doch nicht zu jedem Zeitgeschehen kontemporär meinen Senf geben.
Das wird entweden platt oder anmaßend.
Sonderlich viel schreiben wir ohnehin nicht, und das meiste sind interne Korrespondenzen.
Oft werden auch Dinge geschrieben, um sich selbst eine Antwort zu geben.
Publikation ist die klare Ausnahme.


Frage 5 blickwinkel:
00:12
Sie schreiben also das meiste für den Papierkorb?
Was ist mit den alten Sichtweisen?
Sind die heute nicht mehr von Bedeutung?

Autor:
Doch, schon,
auch zu den ganz alten Geschichten stehen wir immer noch,
zumindest in dem Sinne, daß wir uns dieser "stolzen Werke der Weltliteraur" gerne erinnern.
Eine Neuauflage muß nicht sein -
irgendwann ist jeder Stachel stumpf - wir haben heute andere Themen.
Worin sollte der Reiz liegen, sich heute noch über die neuen Maßanzüge der damaligen alternativen Politiker gaudieren zu wollen...
Also weg damit - Schnee von gestern - heute haben wir ganz andere Sorgen.
Diese Parvenüs boten damals ein schönes Spannungsfeld zwischen den Erwartungen eines braven Bürgertums an unsere Volksvertreter
und den verzweifelten Versuchen einer neu entstehenden Elite, den pulloverstrickenden Volkstribun zu geben.


Departement Meuse

Lothringen

4

Frage 6 blickwinkel:
00:16
Sie mochten die Grünen nicht?

Autor:
Es gab ältere Kollegen, die begeistert waren. Die sahen in den Aktionisten die Umsetzung von Dutschkes Aufruf zum Marsch durch die Institutionen.
Ich selbst fand es eher bedauerlich, daß die intellektuelle Linke zu dieser Zeit Kapazitäten verlor.
Es war im Zeitgeist, sich dem Kindergarten einer möglichen heilen Welt zuzuwenden.
Die einstmals kritischen Geister verließem den analytischen Bereich.
Häkeln macht nicht klüger.


Frage 7 blickwinkel:
00:18
Wenn das Häkeln doch so störend war,
dann müßten Ihnen die besagten Maßanzüge gefallen haben (?)

Autor:
Es war der Widerspruch, der amüsierte.
Natürlich war das ein nettes Szenario,
und eine Brücke zu schlagen zwischen den generationsübergreifenden Saugreflexen.
Die Parlamentarierin stillt das Kind, während sie selbst am System des Establishments zu saugen beginnt.
Wie ich finde, immernoch ein treffliches Bild - damals war sowas einen Stachel wert - heute lohnt es die Zeile nicht mehr,
wir haben uns zu sehr daran gewöhnt.
Daß wir dabei von Zecken sprachen, bezog sich natürlich nur auf die erwachsenen Mütter.
Uns wäre der Begriff Wanze etwas lieber gewesen, aber den hatte ja schon jemand in den 1920-er Jahren den Parlamentariern zugeschrieben. Im analytischen Sinne war das Wort sicher nicht falsch - Zecke tut es aber auch.


5

6


Frage 8 blickwinkel:
00:22
Wen meinen Sie konkret mit den 1920-ern?

Autor:
Die Art der Frage impliziert die Antwort.
Und um es vorwegzunehmen...
ja ich habe beide Teile gelesen,
und zumindest den analytischen Teil sehe ich als durchaus lesenswert an.
Wenigstens diese ersten 100 Seiten sollte man sich gönnen.


Frage 9 blickwinkel:
00:23
Sie können diesem Buch also etwas abgewinnen?

Autor:
Alles zu seiner Zeit,
Parlamentarismus hat heute noch die selben Probleme wie vor 20 oder vor 30 Jahren.
Im Prinzip sind das die selben wie vor gut 100 Jahren.
Wenn sich Demokratie schon nicht mehr mit Monarchien verhindern läßt, dann ist eben der Parlamentarismus das Mittel der Wahl.
Die Kräfte sind die selben. Dem Kapital ist es gleichgültig, unter welchem System es sich vermehrt.
Sich daran immernoch abzuarbeiten, würde aber genau denen in die Hände spielen, die uns zu diesem Schauspiel laden.
Die Lösung kann nicht darin gesucht werden, immer den selben Kreisverkehr zu fahren.
Zu den jeweiligen Systemrisiken ist im Prinzip alles gesagt und auch alles geschrieben.
Das war es aber auch schon vor 33 - und niemand wollte es hören oder gar lesen.
Die Folgen dieser gepflegten Ignoranz sind bekannt, wurden aber bis heute nicht begriffen.

So lange wir Totalitarismus mit Ordnung gleichsetzen, und Parlamentarismus mit Demokratie, werden wir immer brav im Kreis fahren.
Mal sind wir rechts, mal sind wir links - der Kreis bleibt der selbe.


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Frage 10 blickwinkel:
00:35
das klingt deprimierend.
Zeigt Hein Lösungen auf?

Autor:
Nein.
Der reale Hein, wie wir ihn in der Gesellschaft antreffen, ist Hein wie er immer war.
Der Hein im Buch dagegen entwickelt sich weiter. Seine Bereitschaft, wenigstens ein paar Realitäten zu erkennen, ist allerdings eher utopisch.
Würde er jeder Spur folgen, dann hätten wir hier kein Taschenbuch. Dann wäre es ein mehrbändiges Werk.
Damit würde aber Hein den Lesern den Weg vorgeben.
Wir wären also im Korridor einer Indoktrination.
Bücher, die dem Leser vorgeben, welche Schlüsse er zu ziehen hat, gibt es regalweise.
Keines dieser Werke für sich genommen, hat je das eigene Denken gefördert.


Frage 11 blickwinkel:
00:37
welche Werke meinen Sie damit konkret?

Autor:
Allen voran die ganz dicken.
Gefolgt von den ganz dicken.




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